Seit dem 28. Juni 2025 ist der European Accessibility Act in Kraft – in Deutschland umgesetzt als Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Alle Hintergründe, Fristen und betroffenen Unternehmen haben wir im EAA-2025-Komplett-Guide zusammengefasst. Dieser Artikel hier ist das praktische Gegenstück: eine Checkliste, mit der Sie den Bild-Teil Ihrer Compliance systematisch abarbeiten.
Warum ausgerechnet Bilder? Weil fehlende Alt-Texte die am einfachsten nachweisbare Barriere überhaupt sind. Jeder – auch ein Abmahnanwalt – kann in Sekunden per Quelltext oder Scan-Tool prüfen, ob Ihre Bilder alt-Attribute haben. Und in typischen Shops fehlen sie bei einem Großteil der Bilder.
1. Die Rechtslage in 3 Minuten
| Region | Law | Risk |
|---|---|---|
| European Accessibility Act (EAA), in DE: BFSG | Bußgelder bis €100.000 (Deutschland), Abmahnrisiko | |
| Americans with Disabilities Act (ADA) | 4.500+ Klagen gegen Websites allein 2024 | |
| WCAG 2.1 Level AA | Technischer Standard hinter beiden Gesetzen |
Wichtig: Der EAA gilt für Shops, die in die EU verkaufen – unabhängig davon, wo sie gehostet sind oder wo das Unternehmen sitzt. Welche Bußgelder konkret drohen, schlüsselt der EAA-Bußgeld-Katalog nach Ländern auf.
2. Was das Gesetz bei Bildern wirklich verlangt
Hier kursieren viele Mythen – und die kosten Shops entweder unnötige Arbeit oder wiegen sie in falscher Sicherheit. Die tatsächliche Anforderung ist präzise:
Die eine relevante Anforderung: WCAG 2.1 AA, Erfolgskriterium 1.1.1
Jedes informative Bild braucht eine Textalternative – das alt-Attribut im HTML. Punkt.
Nicht gefordert: title-Attribute (haben für Screenreader keinen Wert), Bildunterschriften, sprechende Dateinamen.
Nicht vorgeschrieben: ein bestimmter Erstellungsprozess. Ob der Alt-Text manuell oder KI-gestützt entsteht, regelt das Gesetz nicht – es verlangt ein konformes Ergebnis.
Und eine zweite Präzisierung, die oft übersehen wird: Dekorative Bilder (Trennlinien, Hintergrund-Ornamente, rein schmückende Elemente) brauchen keinen beschreibenden Text – aber sie brauchen ein leeres alt-Attribut (alt=""). Fehlt das Attribut komplett, lesen viele Screenreader den Dateinamen vor. Das ist ein Verstoß und eine miserable Nutzererfahrung zugleich.
3. Die 10-Punkte-Checkliste
Verschaffen Sie sich Überblick: Wie viele Bilder hat Ihr Shop insgesamt, wie viele davon ohne alt-Attribut? Ein automatisierter Scan liefert die Zahlen in Minuten – zum Beispiel der kostenlose Barriere-Check. Ohne Inventar keine Priorisierung.
Die wichtigste Kategorie: Jedes Produkt-Hauptbild braucht einen beschreibenden Alt-Text, der das Produkt konkret benennt – Material, Farbe, Form, Serie. Generische Texte wie „Produktbild“ erfüllen die Anforderung inhaltlich nicht.
Zusatzansichten (Rückseite, Detail, Anwendungsszene) werden beim manuellen Pflegen am häufigsten vergessen. Jede Ansicht braucht einen eigenen Alt-Text, der beschreibt, was diese Ansicht zeigt – nicht fünfmal denselben Text.
Farb-, Größen- und Materialvarianten haben eigene Bilder – und brauchen eigene Alt-Texte. „Sneaker Modell X in Marineblau“ und „Sneaker Modell X in Weiß“ sind zwei verschiedene Beschreibungen. Kopierte Alt-Texte über alle Varianten hinweg sind eine typische Lücke.
Kategorien-Header, Startseiten-Banner, Content-Blöcke (z. B. Shopware Shopping Experiences, WooCommerce-Blöcke): Diese Bilder liegen außerhalb des Produktkatalogs und fallen bei Katalog-fokussierten Audits durch. Informative Banner (etwa mit Aktionstext im Bild) brauchen einen Alt-Text, der die Information wiedergibt.
Rein schmückende Bilder bekommen ein leeres alt="" – kein fehlendes Attribut, keinen erfundenen Text. So überspringen Screenreader das Element sauber, und Sie vermeiden „Rauschen“ für Nutzer assistiver Technologien.
Ein vorhandenes Attribut ist nicht automatisch konform. Prüfen Sie Stichproben auf drei Fehlerbilder: Dateinamen als Alt-Text (IMG_4823.jpg), Keyword-Stuffing und nichtssagende Platzhalter. Was einen guten Text ausmacht, zeigen unsere Alt-Text-Beispiele nach Branche.
Der EAA gilt in jedem EU-Zielmarkt. Wer auf Französisch verkauft, braucht französische Alt-Texte – ein deutscher Alt-Text im französischen Kanal hilft dortigen Screenreader-Nutzern nicht. Prüfen Sie jede Sprachversion separat.
Compliance ist kein Einmalprojekt. Legen Sie fest, wie neue Produktbilder ab sofort ihren Alt-Text bekommen – idealerweise automatisch beim Upload, damit die Lücke nicht sofort wieder aufreißt.
Halten Sie fest, wann Sie was geprüft und behoben haben (Scan-Berichte, Abdeckungsquoten, Datum). Im Fall einer Beschwerde oder Prüfung zeigt die Dokumentation, dass Sie systematisch an der Konformität arbeiten – das ist besser als jede Ad-hoc-Ausrede.
4. Umsetzung in Ihrer Shop-Plattform
Die Checkliste ist plattformneutral – die Handgriffe unterscheiden sich aber je nach System. So finden und pflegen Sie Alt-Texte in den vier verbreitetsten Shop-Plattformen:
WordPress
Alt-Texte liegen in der Mediathek: Bild anklicken → Feld „Alternativtext“. Wichtig zu wissen: Der Alt-Text wird pro Mediathek-Eintrag gespeichert – ändert man ihn dort, wirkt sich das auf neue Einbindungen aus, bereits im Beitrag gesetzte Alt-Texte können abweichen. Für den Bestand prüfen Sie daher beides. Bei hunderten Bildern führt an einer Bulk-Lösung kein Weg vorbei – wie das mit dem AutoAlt.ai-Plugin für WordPress funktioniert, zeigt die Integrationsseite.
WooCommerce
WooCommerce nutzt die WordPress-Mediathek, verteilt Produktbilder aber auf drei Orte: Hauptbild, Produktgalerie und Variantenbilder. Gerade Variantenbilder (Punkt 4 der Checkliste) werden bei manueller Pflege regelmäßig übersehen, weil sie in der Varianten-Ansicht des Produkts stecken. Die WooCommerce-Integration erfasst alle drei Bildtypen.
Shopware 6
Alt-Texte („Alternativtext“) pflegen Sie im Medienbereich oder direkt am Produkt – und zwar pro Sprache: Bei mehreren Verkaufskanälen mit unterschiedlichen Sprachen braucht jede Sprachversion ihren eigenen Alt-Text (Punkt 8 der Checkliste). Zusätzlich prüfen: Bilder in den Shopping Experiences (Erlebniswelten), die außerhalb des Produktkatalogs liegen. Für Bestandskataloge gibt es die Bulk-Verarbeitung über das Shopware-Plugin – die komplette Anleitung: 10.000 Bilder per Bulk.
Shopify
Beim Produkt: Medien öffnen → Bild anklicken → „Alt-Text bearbeiten“. Nicht vergessen: Theme-Bilder (Slider, Banner, Kollektions-Header) werden separat im Theme-Editor gepflegt und fehlen in produktzentrierten Audits am häufigsten. Details zur automatisierten Variante auf der Seite zur Shopify-App.
Sie nutzen ein anderes System? AutoAlt.ai bietet native Integrationen für insgesamt acht Plattformen – neben den vier genannten auch Magento, Joomla, Drupal und PrestaShop – sowie eine Developer-API für Eigenentwicklungen.
5. Priorisierung: Wo anfangen?
Bei tausenden Bildern stellt sich die Reihenfolge-Frage. Bewährt hat sich die Priorisierung nach Sichtbarkeit und Risiko:
- Zuerst: Startseite, Top-Kategorien und die meistbesuchten Produktseiten – hier schauen Prüfer, Kunden und Crawler zuerst hin.
- Danach: der restliche aktive Produktkatalog inklusive Varianten und Galerien.
- Zuletzt: Archiv-Inhalte, auslaufende Produkte, Blog-Historie.
Der doppelte Effekt
Diese Priorisierung ist identisch mit der SEO-Priorisierung: Die Seiten mit dem meisten Traffic profitieren auch am stärksten von indexierbaren Alt-Texten in der Google Bildersuche. Compliance-Arbeit und Sichtbarkeits-Arbeit sind hier dieselbe Arbeit.
6. Selbst testen in 5 Minuten
Für einen ersten Befund brauchen Sie kein Audit-Budget – drei Prüfungen liefern in wenigen Minuten ein ehrliches Bild:
- Browser-Konsole (30 Sekunden): Öffnen Sie eine Produktseite, drücken Sie F12 und geben Sie in der Konsole ein:
document.querySelectorAll('img:not([alt])').length– das zählt alle Bilder, denen dasalt-Attribut komplett fehlt. Mitdocument.querySelectorAll('img[alt=""]').lengthsehen Sie zusätzlich die leeren Attribute (die bei dekorativen Bildern korrekt, bei Produktbildern aber ein Fehler sind). - Screenreader-Probe: Auf dem Mac genügt der eingebaute VoiceOver (Cmd+F5), unter Windows der kostenlose NVDA. Navigieren Sie durch eine Produktseite und hören Sie, was bei den Bildern vorgelesen wird. Wenn Dateinamen wie „IMG-4823-final-v2-jpg“ kommen, wissen Sie, wo Sie stehen.
- Automatisierter Scan: Für den Blick über den ganzen Shop statt einzelner Seiten: Der Gratis-Barriere-Check crawlt Ihre Seiten und liefert die Aufschlüsselung, wo wie viele Alt-Texte fehlen.
Diese Selbsttests ersetzen kein vollständiges WCAG-Audit über alle Erfolgskriterien – aber für den Bild-Teil, die häufigste und sichtbarste Lücke, reichen sie völlig aus, um Handlungsbedarf zu erkennen.
7. Manuell vs. automatisiert
Für die Umsetzung gilt dieselbe Rechnung wie bei jedem Katalog-Projekt: Manuelles Schreiben kostet 2–3 Minuten pro Bild und skaliert nicht über wenige hundert Bilder hinaus. KI-gestützte Generierung verarbeitet Bestandskataloge per Bulk und neue Uploads automatisch – bei AutoAlt.ai mit EU-Servern in Deutschland, ohne Bildspeicherung und DSGVO-konform. Wie ein kompletter Bulk-Durchlauf konkret aussieht, zeigt Schritt für Schritt unsere Anleitung 10.000 Shopware-Bilder mit Alt-Text versehen – das Prinzip gilt genauso für WooCommerce, Shopify und die übrigen Integrationen.
Rechtlich entscheidend bleibt dabei der Punkt aus Abschnitt 2: Das Gesetz schreibt keinen Erstellungsprozess vor. Konform ist, was den Bildinhalt zutreffend beschreibt – die Qualität des Ergebnisses zählt, nicht die Methode.
8. Was bei einer Beschwerde passiert
Das BFSG ist kein zahnloses Gesetz mit abstraktem Bußgeldrahmen – es hat einen konkreten Durchsetzungsmechanismus, und der beginnt typischerweise nicht bei der Behörde, sondern bei einem einzelnen Nutzer:
- Schritt 1 – Beschwerde: Verbraucher und anerkannte Verbände können sich bei der zuständigen Marktüberwachungsbehörde beschweren und ein Tätigwerden beantragen. In Deutschland koordiniert die zentrale Marktüberwachungsstelle der Länder für Barrierefreiheit (MLBF) die Aufsicht.
- Schritt 2 – Prüfung: Die Behörde prüft die Konformität der Dienstleistung. Fehlende Alt-Texte sind dabei der am schnellsten objektiv feststellbare Mangel – ein Quelltext-Blick genügt.
- Schritt 3 – Aufforderung mit Frist: Bei festgestellten Mängeln folgt zunächst die Aufforderung, die Barrieren innerhalb einer gesetzten Frist zu beseitigen. Wer hier bereits systematisch arbeitet und das dokumentiert hat (Punkt 10 der Checkliste), ist klar im Vorteil.
- Schritt 4 – Sanktionen: Bleibt die Abhilfe aus, drohen Bußgelder – in Deutschland bis €100.000 – und als letzte Eskalationsstufe kann die Behörde die Einstellung der Dienstleistung verlangen. Parallel besteht das zivilrechtliche Abmahnrisiko.
Die praktische Konsequenz: Die Behörde fällt nicht vom Himmel – aber ein einziger frustrierter Nutzer mit Screenreader kann das Verfahren anstoßen. Und anders als bei vielen WCAG-Kriterien gibt es bei fehlenden Alt-Texten keinen Interpretationsspielraum, hinter dem man sich verstecken könnte. Die Details zu Bußgeldhöhen in anderen EU-Ländern: EAA-Bußgeld-Katalog.
9. Häufige Fragen
Brauchen dekorative Bilder einen Alt-Text?
Ja und nein: Sie brauchen ein leeres alt-Attribut (alt=““). Das signalisiert Screenreadern, das Bild zu überspringen. Ein komplett fehlendes alt-Attribut ist dagegen ein WCAG-Verstoß, weil Screenreader dann oft den Dateinamen vorlesen.
Verlangt das BFSG auch title-Attribute oder Bildunterschriften?
Nein. Das BFSG verlangt für Bilder über WCAG 2.1 AA (SC 1.1.1) ausschließlich eine Textalternative – das alt-Attribut. Title-Attribute haben für Screenreader und Compliance keinen Wert, Bildunterschriften und Dateinamen sind nicht gefordert.
Darf Alt-Text per KI generiert werden, um EAA-konform zu sein?
Ja. Das Gesetz verlangt ein konformes Ergebnis, nicht einen bestimmten Erstellungsprozess. Entscheidend ist, dass der Alt-Text den Bildinhalt zutreffend beschreibt – egal ob von Hand oder KI-gestützt erstellt.
Welche Strafen drohen bei fehlenden Alt-Texten?
In Deutschland sieht das BFSG Bußgelder bis €100.000 vor. Dazu kommen mögliche Abmahnungen. Für US-Kunden relevant: 2024 gab es über 4.500 ADA-Klagen gegen Websites. Details nach Ländern im EAA-Bußgeld-Katalog.
Gilt der EAA auch für kleine Online-Shops?
Der EAA gilt grundsätzlich für E-Commerce-Dienstleistungen in der EU. Kleinstunternehmen (unter 10 Mitarbeiter und unter 2 Mio. € Jahresumsatz) sind bei Dienstleistungen teilweise ausgenommen – die genaue Einordnung sollte im Zweifel rechtlich geprüft werden.
Punkt 1 der Checkliste: jetzt in 2 Minuten erledigen.
Der kostenlose Barriere-Check scannt Ihren Shop und zeigt, wie viele Bilder ohne Alt-Text online sind – inklusive Seiten-Aufschlüsselung.